Der X

Mit 16 war Jake das größte für mich. Für heutige Verhältnisse würde ich wohl als Spätzünder gelten, aber als Jake mich damals das erste Mal küsste, wusste ich, was es heißt, Schmetterlinge im Bauch zu haben. Für mich hätte es keinen großartigeren, echteren ersten Kuss geben können, als diesen, auch wenn es von außen betrachtet vielleicht nicht die aller romantischste Atmosphäre gewesen ist, als seine Mutter hinter der Fensterscheibe Unkraut zupfte und der stummgeschaltete Teleshoppingkanal das einzige Licht hinter den zugezogenen Gardinen in den Raum brachte. Die Emotionen stimmten. Für uns stimmte es. Jake war älter als ich, erfahrener, alles was er tat war Neuland und ich fühlte mich wie im siebten Himmel, wenn er mich berührte. Er brachte mir bei, was es hieß zu lieben, auch wenn wir nicht miteinander schliefen. Jede Berührung machte mich wahnsinnig, weil sie neu war und weil ich ihn liebte. Diese Erinnerung behielt ich an ihn. Die ersten Erfahrungen, die erste Liebe. Größer und wahnsinniger als alles, was danach kommen würde. Als Jake Schluss machte, brach meine kleine Welt in sich zusammen.

Mit 20 sahen wir uns wieder. Ich hatte andere Beziehungen gehabt und Jake mittlerweile eine feste Freundin. Doch unser erstes Treffen war, als würden wir uns immer noch in und auswendig kennen, als hätten wir nie Funkstille gehabt. Und irgendwann sprach Jake aus, was wir beide dachten. Er wollte mich. Ich wollte ihn. Es war noch offen geblieben und wir konnten nicht anders, als uns ständig damit zu beschäftigen, wie es gewesen wäre und wie es wohl sein würde. Unser zweiter erster Kuss schmeckte genau wie früher. Die gleiche Kaugummigeschmackssorte wie damals, etwas zu viel Zunge. Damals war das schön. Ich fand es so komisch, dass sich an seinen Küssen absolut nichts verändert hatte, dass ich dabei grinsen musste – wie unbedeutend es plöztlich war. Es war genau wie früher, aber ganz anders. In diesem Moment wurde mir klar, dass einzig und allein meine Verliebtheit und meine Unerfahrenheit seine Küsse in eine großartige Erinnerung mit rosaroten Schleifen verpackt hatten. Nichts was er heute tat war für mich auch nur ansatzweise so umwerfend wie mit 16. Im mentalen Vergleich hatte ich ihn bisher immer für unschlagbar gehalten, aber nun war offensichtlich, dass ich mich irrte. Es liegt nicht an der Art und Weise, sondern an Gefühlen. – Doch was nach wie vor bei Jake stimmte war unser vertrautes Verhältnis. Wir konnten miteinander reden, über neue Partner in unserem Leben, ohne unsere Gefühle zu verletzen, ohne Erwartungen aneinander zu haben und das war so einfach. Mir war egal, wie meine Haare dabei aussahen und ob ich noch in seinen Armen liegen durfte oder nicht. Wenn wir uns streichelten war es, als wären wir einfach nur die besten Freunde, die sich gut taten, mehr wollte ich nicht. Wir brauchten keine Romantik. Wir redeten ganz offen über meinen Liebeskummer, dicke Kinder im Zoo und Aktienkurse. Und mir wurde klar, dass nichts sexuelles Grund dafür war, warum ich ihn vermisst hatte. Es war einfach nur die Art und Weise, wie wir tratschen und lachten konnten, ob in seinem Arm oder nicht. Und mit keiner weiteren Nacht meines Lebens wollte ich riskieren, was so viel wichtiger war: unsere Freundschaft.

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